HTML5 <video> und der Codecstreit [UPDATE 2]

Mai 19, 2010 um 8:41 pm | Veröffentlicht in Computer, GNU/Linux, Google, HTML, Multimedia, Ubuntuusers, Vermischtes | 13 Kommentare

Nach einer kleinen Pause meldet sich der Morgenblog wieder zurück. Zwar nicht wie eigentlich geplant mit praktischen Hinweisen zu einem bestimmten Thema, aber mit einer philosophischen Frage zu aktuellen Ereignissen.

Vorgeschichte

Seit der Ankündigung, dass HTML5 native Möglichkeiten mitbringen wird Video- und Audio-Dateien abzuspielen war das Gerate und Gerangel um einen einheitlichen Codec absehbar. Viele Stimmen erhoben sich um mindestens ebensoviele würdige Vertreter des Codec-Clans lobend zu erwähnen, nur um dann in der Versenkung der Nichtbeachtung zu versinken. Übrig blieben am Ende – so schien es – nur zwei Videoformate: OGG und H.264. Wo die einen H.264 (MPEG-4 Part 10) dafür kritisierten, dass in absehbarer Zeit Lizenzkosten für den Codec anfallen würden warnten die anderen vor sogenannten U-Boot-Patenten bei OGG. U-Boot-Patente sind Patente die bei der Implementierung eines Standards eine Rolle spielen, aber niemand weiß, dass es sich dabei um eine patentierte Technik handelt. Und wie ein Schiff, dass in die Torpedoreichweite eines feindlichen U-Boots kommt werden sich die (vermeintlichen) Patentinhaber erst zu Wort melden wenn der Codec Verbreitung gefunden hat und Geld zu holen ist. Im Gegensatz zu einem Verfahren bei dem man den Patentinhaber kennt (H.264) ist es ungleich schwerer zu sagen ob überhaupt ein Patentanspruch besteht wenn ein Produkt von einer Unzahl von Firmen kreiert und mitentwickelt wurde (OGG).

OGG wird sich übrigens in Firefox und Opera finden, welche beide für alle bekannten Systeme verfügbar sind. Fast schon bezeichnender Weise sind der Großteil der H.264-Befürworter selbst Vertreter von proprietärer Software: Internet Explorer und Safari werden H.264 implementieren. Und zur Zeit schaut es so aus als ob sie zusammen mit Chrome (der übrigens beides kann) auf der richtigen Seite stünden: wichtige Videoportale wie YouTube verbreiten ihre Videos neben dem FLV-Format vor allem bei höher auflösenden Clips im H.264-Format mit der Endung *.mp4.

So ist also das Problem, dass beide Kandidaten für einen Einheitlichen Standard für das <video>-Tag in HTML5 bereits vor dessen Verabschiedung ins Kreuzfeuer der Kritik geraten und sich zwei Lager gespalten haben die, einerseits aus berechtigten Gründen, andererseits in auch nicht ganz unberechtigter was-wäre-wenn Manier den jeweils anderen Codec ablehnen. Als Befürworter freier Software stehe ich natürlich zu OGG, auch wenn technische Gründe, Verbreitung und potentielle Patentprobleme für H.264 sprächen. Allerdings kann ich der Logik, dass bloß weil die Alternative möglicherweise mit Patenten belastet sein könnte ich einen Codec wählen soll, der ganz sicher mit Patenten belastet ist nicht wirklich folgen.

Durch die Entscheidungen der Browserhersteller ist es unter Linux bisher nur mit Add-Ons möglich H.264 mit HTML5 im Browser zu nutzen. OGG ist hier wesentlich stärker verbreitet.

Google VP8

Mit der Ankündigung Googles den im Frühjahr erworbenen Codec VP8, der selbst große Ähnlichkeiten mit H.264 hat, unter eine Lizenz zu stellen die das Produkt quasi zu Open-Source macht ist nun ein dritter und sehr aussichtsreicher Kandidat auf der Bühne des mit-mach-Web erschienen. Bei YouTube soll bereits hinter verschlossenen Türen an der Umkodierung von Videos begonnen worden sein und die aktuellen Entwicklerversionen von Firefox, Opera und Chromium sollen bereits mit dem neuen Format umgehen können. Neben dem Open-Source-Argument spricht auch die künftige Verbreitung via YouTube und sicherlich anderen großen Portalen für VP8. Auch wenn dieser wie Kritiker sagen etwas weniger Performance verspricht als H.264, was vor allem bei HD-Videos natürlich ein gewichtiges Argument ist, und ebenfalls U-Boot-Patente auf Grund der Ähnlichkeiten mit eben diesem bestehen könnten, so ist er doch eine interessante Alternative.

Es ist aber auch interessant zu beobachten wie Google die modernen Technologien beobachtet und dann versucht es mit einem eigenen Produkt besser zu machen und wegen der eigenen Muskelkraft auch mehr Erfolg hat (Android, Chrome, GMail). Android ist im Grunde ein Linux-Distribution welche sich trotz seiner jungen Jahre bereits in die Welt der Smartphones und kleinen Computer geschlichen hat. Chrome hat zwar nach offiziellen Statistiken einen recht kleinen Anteil am Browser-Kuchen, versucht aber doch mal einen Computer zu finden auf der er nicht installiert ist. Und GMail ist seit Jahren der Kult-eMail-Provider schlechthin und es werden wohl mehr Leute sagen, sie hätten kein Facebook-Konto, als, dass sie keinen GMail-Account besäßen.

Ich begrüße also Googles Entscheidung im Streit um den am besten geeigneten einheitlichen Codec für HTML5<video> etwas beizutragen. Sollte der Druck auf MS und Apple durch YouTube & Co. groß genug sein, dass VP8 auch in Internet Explorer und Safari integriert wird, so wird VP8 wohl aller Voraussicht nach das Rennen machen und der defacto-Standard des neuen Web werden.

[UPDATE]
In its HTML5 support, IE9 will support playback of H.264 video as well as VP8 video when the user has installed a VP8 codec on Windows.

Auf diesen Satz vom WindowsTeamBlog hat mich Kellner aufmerksam gemacht. Danach soll der VP8 auch vom IE9 neben H.264 unterstützt werden. Allerdings scheinbar nicht nativ. Der IE9 soll auf einen im System installierten Codec zurückgreifen können. Die Frage ist nun warum die Unterstützung nicht nativ daherkommt? Das Verwenden eines am System installierten Codecs entspricht meiner Ansicht nach dem Installieren eines Add-Ons um H.264 mit Firefox nutzen zu können.

Ich wurde im Übrigen von Lord_Pinhead darauf hingewiesen, dass im Gegensatz zu H.264 es sich bei OGG nicht um einen Codec handelt sondern nur um das Container-Format. Das ist richtig. Die Codecs bei OGG sind Theora für Video und Vorbis für Audio. Das Containerformat für H.264 ist übrigens MP4.
[/UPDATE]

[UPDATE 2]
Laut dem Blog The Register hat sich Steve Jobs per eMail zum Thema VP8 geäußert. Durch einen einfachen Link zu einer Studie, welche die technischen Nachteile von VP8 gegenüber H.264 ausdrückt, stellt sich Apple wohl nach wie vor hinter H.264 und es wird auf absehbare Zeit keine VP8-Unterstützung in Safari geben.
[/UPDATE 2]

Aber das ist selbstverständlich nur meine Einschätzung. Was denkst du? Wie wahrscheinlich ist es, dass sich VP8 durchsetzt? Ist H.264 durch die 60% Marktanteil des IE bereits Sieger? Wird Japan die WM gewinnen? Oder ist es wahrscheinlich, dass sich ein weiterer Kandidat in den Ring wirft und die Karten neu verteilt?

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This work by Stefan Ohri is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Austria License

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13 Kommentare »

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  1. Chrome hat zwar nach offiziellen Statistiken einen recht kleinen Anteil am Browser-Kuchen, versucht aber doch mal einen Computer zu finden auf der er nicht installiert ist. Und GMail ist seit Jahren der Kult-eMail-Provider schlechthin und es werden wohl mehr Leute sagen, sie hätten kein Facebook-Konto, als, dass sie keinen GMail-Account besäßen.

    Der Durchschnittsnutzer hat von Chrome nie etwas gehört. Gerade in Büros wirst du es schwer haben einen Rechner zu finden, auf dem nicht die vorgegebene Software (meist IE, manchmal Firefox) installiert ist. GMail hat 180 Mio Nutzer, Facebook 400 Mio.

    • Im Geschäftsumfeld mag es wirklich komplett anders aussehen. Diese Sätze bezogen sich zum einen auf privat genutzte Systeme und zum anderen auf die subjektiv gefühlte Häufigkeit der Antworten. Dass Facebook mehr Nutzer hat als GMail geht aus offiziellen Zahlen eindeutig hervor. Jedoch höre ich normalerweise in meinem Umfeld (Uni, Freunde, Nachbarschaft) die Menschen eher von GMail reden als von Facebook und habe bis jetzt noch kein privates Gerät gesehen auf dem Chrome nicht installiert wäre. Natürlich sieht das in den PC-Räumen der Uni oder der Büros anders aus.

  2. OGG ist doch kein Codec, das ist ein Container Format.
    Theora und Vorbis/Flac wären die Codecs, für Untertitel gibt es noch Writ🙂
    V8 Videos hätte ich gerne mal ein paar Beispiele, aber wenn das genauso schlecht läuft wie H264 ist das wirklich keine alternative, vor allem müsste dann jeder meiner Mediaplayer (PS3, WindBox etc.) erstmal den Codec unterstützen, also wird das noch seeeehhhrr lange dauern, OGG könnte man gleich einsetzen.

    • Stimmt, OGG ist nur der Container. Man verallgemeinert gerne …🙂
      Gemeint ist natürlich Theora für Video und (vermutlich) Vorbis als Audio. FLAC bringt zwar ohne Frage bessere Audioqualität (da lossless), aber das lossy Vorbis ist für die meisten gut genug.

  3. MS wird den freien Codec wohl auch unterstützen:
    http://windowsteamblog.com/windows/b/bloggingwindows/archive/2010/05/19/another-follow-up-on-html5-video-in-ie9.aspx

    • Siehe Artikel-Update.

      • Wow, ich habe weder Chrome, Facebook noch GMail jemals verwenden müssen/wollen. Es scheint, als hätte ich eine Menge verpasst!

        • Nein, verpasst hast du kaum etwas. Ich selbst verwende ebenfalls keines der drei genannten Produkte. GMail ist ein eMail-Dienst wie die meisten anderen auch, Chrome ein weitere Webkit-Browser und Facebook viel heiße Luft. Obwohl Chromium auch bei mir installiert ist verwende ich nach wie vor Firefox, habe einen GMX-Account und meide „Social Networks“ wie die Pest. Nicht wegen der Idee dahinter sondern weil es mich nicht glücklicher macht 5000 virtuelle Freunde zu haben.

  4. die frage ist wohl auch wie die mpeg-gruppe nun damit umgeht. vielleicht bewegen sie sich und stellen den h264 codec für bestimmte gruppen kostenlos zur verfügung. das wäre ja auch etwas.

    vorteile von h264 sehe ich im moment vorallem darin, dass es die entsprechenden hardwared-decoder schon gibt, die im smartphone-bereich recht populär sind. allerdings sind handys im moment auch nicht sehr langlebig und in 2-3 jahren sieht alles anders aus.

    • Wie ich schon erwähnte hat H.264 sicherlich technische Vorteile gegenüber OGG. Solange die Lizenzfrage jedoch wie ein Damoklesschwert über allen Nutzern hängt finde ich, dass die Qualität an zweiter Stellte steht.

  5. Und apple schweigt sich wieder aus?
    Um es dann später als Weltneuheit zu präsentieren?
    [Leider fehlt jetzt ein Link zu dieser genialen Grafik wo der Releasezyklus von Apple gezeigt wird (Standards als Weltneuheit etc.)]

    • Diese Grafik würde mich wirklich interessieren. Wenn du den Link findest bitte poste ihn hier.
      Ja, Apple ist der letzte Browserhersteller mit bemerkbarem Marktanteil der sich noch nicht zu VP8 geäußert hat. Es würde mich aber nicht wundern, wenn sie es noch etwas hinauszögern. Immerhin wäre eine sofortige Unterstützung von VP8 fast ein Eingeständnis einer schlechten Entscheidung bei der Wahl von H.264. Und ein solches Image kann der Kultkonzern nicht brauchen.

      • Ich suche es schon die ganze Zeit, finde es aber nicht. Wenn ich nur wüsste wo ich es gesehen hab…
        Das würde nämlich gut passen.


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