Religion – Privatsache oder nicht?

Januar 31, 2016 um 11:21 am | Veröffentlicht in Religion, Vermischtes | Hinterlasse einen Kommentar

Laut einem Artikel auf orf.at hat der katholische Papst Franziskus I. den christlichen Glauben als „keine Privatsache“ beschrieben. Er wird zitiert mit: „Die Freude der Begegnung mit Christus wandelt uns um und drängt uns dazu, andere daran teilhaben zu lassen„.

Ich bin mir recht sicher, dass jeder von uns das Gefühl kennt eine Sache so toll zu finden, dass man seine Begeisterung mit anderen teilen möchte. Man denke da an einen gute Film, ein spannend geschriebenes Buch, ein magisch wirkendes Bild oder ein Musikstück von welchem man nicht mehr genug bekommt. Wit erleben diese Sinneseindrücke, sind davon überwältigt und möchten diese Erfahrung teilen um auch andere an diesem fantastischen Gefühl teilhaben zu lassen.

Die (idealisierte) Motivation hinter religiöser Missionierung ist mir also verständlich. (Es gibt auch das Gegenteil dazu: das Retten einer „ungläubigen“ Person vor dem Fegefeuer. Dabei handelt es sich weniger um eine spirituelle Erfahrung als vielmehr eine direkte Drohung.) Ich bin auch gegenüber der Möglichkeit offen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die ein oder mehrere Erlebnisse hatten, welche sie als religiös einstufen und welche sie in Ekstase versetzt haben. Es kann sein, dass ich ähnliche Erfahrungen gemacht habe, sie nur nicht mit einer religiösen Assoziation versehen habe. Die Interpretation von Erlebtem obliegt jedem Memschen selbt.

Das bedeutet aber auch: Die Interpretation dessen was mir selbst widerfährt ist meine Sache und nur meine. Niemand anders hat das Recht sich darin einzumischen. Genauso wie meine nicht religiöse Interpretation meines Lebens meine Privatsache ist, ist auch die religiöse Interpretation von vergangenen Erfahrungen die Privatsache der jeweiligen Person. Genau dasselbe Prinzip kommt zur Anwendung wenn es darum geht diese Interpretation nach Außen zu tragen.

Ich möchte hierzu religiöse Missionierung mit einem nicht so jungen Phänomen vergleichen: spam. Bei spam ist es so, dass über einen beliebigen (im Regelfall elektronischen) Kommunikationsweg eine Botschaft zu einem Empfänger kommt, welche der Empfänger nicht angefordert hat und in der Regel auch nicht anfordern würde. (Hier und hier habe ich in der Vergangenheit ein paar Beispiele veröffentlicht.)

Bei einer Missionierung bestehen zuvor folgende Fakten: (a) die zu missionierende Person ist noch nicht Teil der eigenen Glaubensgemeinschaft und (b) interessiert sich auch nicht dafür (sonst würde sie ja von selbst kommen und müsste nicht missioniert werden). Bei Spam verhält es sich ähnlich: (a) der Empfänger ist (aller Vorraussicht nach) noch nicht Kunde/Besitzer des angebotenen Services/Produkts und (b) kann geschlussfolgert werden, dass der Empfänger sich im Moment dafür auch nicht interessiert, sonst hätte er bereits eine kurze Recherche im Internet nach Fake-Rolex und Genitalverlängerung durchgeführt.

Bei Spam (egal ob via eMail, Twitter, Facebook, SMS, VoiceChat, Suchergebnissen oder traditionell als Brief im Postfach) geht den meisten von uns auf die Nervern. Verschwendete Ressourcen wie Papie, Farbe und Entsorgungskosten (bei Briefen und Postwurfsendungen [„an einen Haushalt“]), verlorene Zeit beim Aussortieren ungewollter Botschaften, zusätzliche Anstrengung um Fake Nachrichten zu erkennen und zu ignorieren. All das kostet Lebenszeit und Energie jedes einzelnen Empfängers ohne dass dem ein relevanter Gewinn oder zumindest eine angemessene Vergütung gegenübersteht.

Bei Missionierung ist es ähnlich. Verkäufer des Wachturm abwimmeln, wenn sie mal wieder einen Block lange auf einen einquatschen, das Unterbrechen einer Tätigkeit und damit Verlust von Fokus um an die Türe zu gehen nur um die Worte „wir wollen mit Ihnen über Gott sprechen“ zu hören. Das kostet Aufmerksamkeit und eventuell wieder viel Zeit um sich wieder voll auf seine Tätigkeit zu konzentrieren. Hier interessanter Weise ist es so, dass die meisten Mitglieder derselben Glaubensgemeinschaft wie der Missionar die Missionierung als notwendig, ja sogar wünschenswert erachten, da es sich um deren eigene Religion handelt. Ich wäre auf die Reaktion eines erzkonservativen Katholiken gespannt, wenn ein jüdischer oder muslimischer Missionar an dessen Türe klopft und über Jehova oder Allah reden möchte.

Ich fasse zusammen: jeder Mensch hat das Recht sein Leben und seine Erfahrungen so zu interpretieren wie er/sie das möchte. Kein Mensch hat das Recht diese Interpretation jemand anderem aufzudrängen. Schon gar nicht ungefragt. Eine gepflegte Diskussion ist durchaus möglich, wenn beide Parteien dazu bereit sind. Der Versuch einer Konvertierung erfolgt aber immer durch das Aufdrängen des eigenen Weltbildes. Jeder Mensch hat das Recht unabhängig von religiösen, politischen, sexuellen oder sonstigen Ansichten von anderen Mensche in Ruhe gelassen zu werden. Daraus folgt, dass meine Entscheidung die Religion eines anderen nicht anzunehmen und von dieser anderen Person auch nicht deswegen behelligt zu werden sehr wohl meine Privatsache ist. Wenn meine nicht-Religion Privatsache ist, dann kann des Anderen Religion ja auch nur dessen Privatsache sein. Denn wenn der andere das Recht hätte mit der Missionierungskeule auch mich einzudreschen, dann wäre meine Entscheidung keiner Religion zu folgen ja plötzlich aus meiner Hand und damit auch nicht mehr meine Privatsache.

Also: Glaube ist Privatsache. Erlebte Ekstase ist keine Berechtigung andere Menschen damit zu belästigen, egal wie sehr man das möchte. Und der Aufruf dazu sollte als Anstiftung dazu gelten in anderer Menschen Privatsphäre einzudringen.

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