Kommt ein FairPhone geflogen

März 3, 2014 um 12:00 pm | Veröffentlicht in China, GNU/Linux, Multimedia, Ubuntuusers | 4 Kommentare

Seit inzwischen 5 Wochen bin ich im Besitz eines FairPhones aus der ersten Auflage. Was ist ein FairPhone? Ein faires Telefon. Ein Telefon, in dessen Erzeugung keine Arbeiter ausgebeutet, in welchem nur Rohstoffe aus konfliktfreien Regionen verwendet und bei welchem der komplette Lebenszyklus bedacht wurde. Die Verantwortung hört nicht beim Nutzer auf, sondern erstreckt sich bis hin zur Entsorgung des ausgedienten Geräts. Und weil der Lebenszyklus besonders lang sein sollte um nicht bald wieder mehr Müll zu produzieren wurde das FairPhone als SmartPhone konzipiert, welches mit heutigen High-End Geräten auf Augenhöhe stehen und sehr robust sein soll. Das Gerät selbst hat € 325,- gekostet, womit aber wesentlich mehr als nur das Telefon abgedeckt ist.

FairPhone Front small

Das FairPhone mit gesperrtem Bildschirm.

Die Philosophie

Das „Fair“ in FairPhone ist vergleichbar mit „fair“ gehandelten Nahrungsmitteln, welche inzwischen in jedem Supermarkt zu finden sind. Bei den Nahrungsmitteln sollen die Bauern einen gerechten Lohn für ihre Arbeit erhalten und selbst entscheiden können, was sie anbauen. Beim FairPhone sollen die Minenarbeiter, welche die Erze schürfen, wie auch die Fließbandarbeiter, welche das Telefon zusammenbauen, gerecht entlohnt werden und unter sicheren Umständen arbeiten können. Oft genug kommt es zum Beispiel vor, dass Minenarbeiter verschüttet werden, weil die Betreiber nicht auf ein Mindestmaß an Sicherheit geachtet hat. Und am Fließband atmen viel Arbeiter giftige Dämpfe ein, die ihre Gesundheit nachhaltig schädigen.

Ebendiese Probleme sollen bei der Produktion des FairPhones vermieden werden. Dazu hat das Projekt Verbindung mit lokalen Gruppen aufgenommen, welche sich für ein faires Vorgehen einsetzen. Außerdem wird jede Produktionsstätte von einem Mitglied des Projektes betreut. In den Minen wird auf die Einhaltung von Sicherheitsstandards geachtet. In der Produktionsfirma in China, in der das Gerät zusammengebaut wird, gibt es eine Selbstverpflichtung der Leitung auf würdige Arbeitsbedingungen. Von einem Teil des Kaufpreises des FairPhones wurde hier für die Arbeiter ein Fond eingerichtet, über dessen Nutzung die Arbeiter gemeinsam entscheiden können.

Mit im Preis enthalten ist ein Beitrag für die zukünftige Entsorgung des Telefons. Da auch das FairPhone nicht ewig leben wird, ist es nur konsequent sich Gedanken darüber zu machen, was eigentlich mit Geräten am Ende ihrer Lebenszeit passiert und ob und wie Rohstoffe zurückgewonnen werden können. Auch hier erleiden heute Arbeiter Langzeitgesundheitsschäden. Und auch hier möchte das FairPhone faire Wege gehen.

FairPhone Back small

Die Rückseite des FairPhones.

Technische Spezifikationen

Thema Robust. Dazu zählt ein Display aus Dragontrail Glass. Das Telefon ist mir bis jetzt 3 Mal heruntergefallen. Das erste Mal aus ca. 1/2 m Höhe auf einen Holzfußboden. Die anderen beiden Male aus ca. 1 m Höhe auf einen Fließenboden. Das Telefon zeigt keine merkbare Beeinträchtigung und das Glas hat keinen Kratzer, geschweige denn einen Splitter. Brutal hört es sich trotzdem an, da sich bei einem Sturz die rückwertige Aluminiumplatte löst und auf Fließen so klingt wie springendes Glas.

Eine Quad-Core CPU (Mediatek 6589M chipset) mit je 1,2 GHz liefert genug Rechenkraft für die nächsten Jahre.

Das 4:3 Display hat eine Auflösung von 960×540 bei Gesamtausmaßen von 126×63 cm. Die Dicke des FairPhones ist etwa 1 cm.

Eine Fotokamera mit 8 Megapixel sorgt für schöne Bilder, eine 1,3 Megapixel Kamera kann für Videoanrufe verwendet werden. Die Fotokamera verfügt über einen Blitz.

Enthalten ist eine tauschbare Standardbatterie mit 2000 mAh. Mit dieser hält das FairPhone bis zu einer Woche durch.

Verbinden kann sich das Telefon per WLAN (802.11 b/g/n), Bluetooth, 2G und 3G. LTE und NFC haben es in die erste Edition nicht geschafft.

Es verfügt über 2 SIM-Slots und die Möglichkeit den Internen Speicher (16 GB) mit bis zu 64 GB per microSD zu erweitern.

Geladen wird das Gerät mit dem inzwischen vereinheitlichten MicroUSB 2.0 Type B, welcher bei allen modernen Geräten zum Einsatz kommt. Ein solches Kabel ist, im Sinne der Müllvermeidung, aber nicht mit dem Telefon verpackt. Es kann bei Bestellung aber dazugenommen werden.

Als Betriebssystem kommt Android 4.2.2 zum Einsatz, die Produzenten versprechen aber Updates auf höhere Versionen über den inkludierten FairPhone Updater.

Das von der Firma Kwame erstellte Custom Interface des FairPhones bedient sich bekannter Bedienkonzepte und fügt noch ein Quickmenü dazu, welches per Sideswipe vom Rand weg aktiviert werden kann. Hier können bis zu 4 häufig verwendete Apps untergebracht werden.

FairPhone Back Open small

Das Innere des FairPhones.

Mein Eindruck

Vielleicht kann man es bereits aus dem vorangegangenen Text herauslesen: ich bin mit meinem FairPhone sehr zufrieden. Es ist ein stabiles, leistungsstarkes und leicht zu verwendendes Gerät, dass seine Aufgaben gut erfüllt. In den Medien habe ich von instabiler Software und Problemen mit der Kamera gelesen. Diese kann ich zum Glück nicht vermelden. Mit einer kleinen Ausnahme habe ich nichts auszusetzen.

Das FairPhone lässt sich zu leicht einschalten. Wenn es bei mir in der Hosentasche liegt scheint der Power-Knopf an der oberen Seite leicht vom Stoff eingedrückt zu werden. Die Entsperrung des Displays scheint dann vom Oberschenkel vorgenommen zu werden. Dadurch kann es sein, dass mehrere Programme gestartet, Einstellungen verändert oder Anrufe getätigt werden, ohne dass man es mitbekommt. Dieses Problem lässt sich aber recht einfach lösen. Ich habe einfach statt des einfachen Entsperrens per Swipe eine Mustersperre eingestellt, bei der ich nun ein komplexes Muster ziehen muss um das Telefon nutzen zu können. Da ich hier beliebig viele Versuche habe, kann mein Oberschenkel machen was er will.

Die Philosophie hinter dem FairPhone war es, was mich ursprünglich dazu bewogen hat die Crowdfunding Kampagne des Projektes zu unterstützen. Das entstandene Produkt ist seinen Preis wert und ich hoffe, dass das FairPhone noch weitere Auflagen erhält. Man kann nur hoffen, dass dieses Projekt langfristig zu einem Umdenken in der Gesellschaft und damit im Vertriebsweg führt.

Wer Interesse hat, der kann sich auf fairphone.com als Interessent für die 2. Auflage eintragen lassen.

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Google China und die Zensur

März 23, 2010 um 7:46 am | Veröffentlicht in China, Google, Politik | Hinterlasse einen Kommentar

Vor etwas längerer Zeit habe ich ja schon geschrieben, dass Google zwar sehr viele Innovationen herausbringt, diese aber meistens wieder nur zum Datensammeln benutzt. Dementsprechend habe ich eine zweigeteilte Meinung über den größten Suchmaschinenkonzern. Viele von euch werden aber schon gelesen haben, dass Google nun ein Zeichen gesetzt hat mit dem sie mir meinen Respekt abringen: sie boykottieren die chinesische Zensur.

Das passiert durch einen technisch einfachen Trick: In Hong-Kong, wo Google ebenfalls eine eigene Suchmaschine laufen hat werden Suchanfragen nicht gefiltert. Alle Anfragen die aus China nun an google.cn gehen werden einfach an google.com.hk weitergeleitet. Damit haben die chinesischen Google-Nutzer Zugriff auf ungefilterte Informationen. Diese Umleitung ist seit gestern in Kraft und hat bereits böse Kommentare von den chinesischen Staatsmedien geerntet.

Laut Google ist dieser Schritt jedoch nicht der menschenfreundlichen Ader Googles zu verdanken sondern Hackerangriffen die Google nach China zurückverfolgt haben will. Trotzdem wird es von Google natürlich ausschließlich als Kampfansage an die chinesische Führung dargestellt. Google kann es sich leisten. Sie wissen, dass die chinesische Führung jederzeit den Zugriff auf google.com.hk durch die große chinesische Firewall sperren kann und wollen scheinbar die verbleibende Zeit dazu nutzen sich positiv zu vermarkten.

Trotzdem und trotz der Tatsache, dass Google mehr als vier Jahre das chinesische Spiel mitgemacht hat ist meiner Ansicht nach das Verhalten von Google mutig. Immerhin riskieren sie mehr als eine Milliarde potenzieller Nutzer was wohl bei den Aktionären nicht sehr gut ankommen wird. Ich kann nur hoffen, dass Google in Yahoo! und anderen ebenso mutige Nachfolger finden wird.

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This work by Stefan Ohri is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Austria License

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